Ambrym – alles voll Schwarzer Magie

13.07. – 15.07.2026; Vanuatu, Ambrym, Ranon; Tag 4.427 – 29; 29.976 sm total


Unsere nächste Insel ist das Epi-Zentrum schwarzer Magie in Vanuatu. Die zugeschriebene Magie hat zwei Seiten: Heilung und Wetterbeeinflussung für gute Ernten, aber auch Flüche und Krankheiten.
Zum magischen Ruf von Ambrym haben die zwei gewaltigen aktiven Vulkane im Inselinneren beigetragen. Ein System aus Geheimbünden und Kasten hat sich gebildet. Der spirituelle Rom-Dance mit aufwendigen Masken wurde zum Kult. Noch heute sollen die Einwohner anderer Inseln den Bewohnern von Ambrym mit einer gewissen Vorsicht begegnen. Wir sind nicht bange und machen uns auf den kurzen Weg von 23 Meilen.

Der erste Zauber macht sich bemerkbar, als wir die Westspitze von Ambrym erreichen. Erwartungsgemäß bricht der Südost-Passat zusammen, als wir in die Abdeckung der Insel gelangen. So weit, so wenig mystisch. Wir werfen den Motor an. Nach zwei, drei Meilen kommt der Wind zurück. Aus Nord-Westen! Wir bekommen runde Augen. Das muss schwarze Magie sein.
Weniger abergläubische Menschen finden die Lösung in Thermik. Durch die riesigen schwarzen Lavafelder, die Ambrym bedecken, heizt sich dort die Luft extrem auf. Steigt nach oben und sorgt für einen Unterdruck und saugt die Luft von allen Seiten an. Seewind entsteht.

Der nördliche Wind ist schwach, vielleicht zehn Knoten. Nach fünf Meilen erkennen wir eine scharf abgegrenzte Windkante auf dem Wasser. Von jetzt auf eben dreht der Wind auf Nord-Ost. 30 Knoten in der Spitze. Wir haben den Wind genau auf die Nase, müssen kreuzen. Verhext!

Von Malekula nach Ambrym, 23 Meilen

Die letzten drei Meilen geben wir das Segeln auf und motoren gegen den Wind. Hoffentlich ist es in Landabdeckung besser. Von wegen. Fallböen rauschen den Hang vor dem Ankerplatz hinunter. Immerhin liegen wir stabil. Der Anker hält super im schwarzen Sand. Windwelle baut sich keine auf. Mit uns ist ein einziger Katamaran in der Bucht.

Die Nacht ist schrecklich. Morgens um vier sitzen wir im Cockpit und beschließen, dass wir mit dem ersten Tageslicht wieder abhauen. 35 plus Knoten zerren an der Kette, am Bimini und unseren Nerven. Bislang ist der Wind nachts noch an jedem Ankerplatz in Vanuatu eingeschlafen. Nicht auf Ambrym.
Morgens lässt der Wind zum Glück deutlich nach. Wir bleiben.

Über Nacht haben wir neue Nachbarn bekommen: das zweitlängste Segelschiff der Welt mit unglaublichen 127 Metern. Die Koru. Etwas abseits ankert das Begleitschiff. Eine 75 Meter lange Motoryacht. Die Abeona ist eine schwimmende XXL-Garage. Weil die Koru keinen Platz dafür hat, parken hier ein Hubschrauber, Jetskis, mehrere Autos, Luxusspielzeuge und Extra-Crew. Ein mitgeführtes Motorboot dient als Edel-Shuttle für Gäste, da beide Yachten zu groß für viele Häfen sind.
Eigner: Jeff Bezos. Es heißt, dass er und seine Frau Lauren sich häufig wochenlang auf der Koru aufhalten. Ohne Eigner an Bord fährt das Gespann Koru und Abeona keine Lustreisen in der Gegend umher (wohl zu teuer :mrgreen: ). Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass sich beide tatsächlich an Bord befinden.

Schnittiger Kahn. 500 Millionen Dollar. Peanuts.

Das Begleitschiff. Frau Lauren Sánches Bezos kann Hubschrauber fliegen (womit ich nicht behaupten will, dass kein anderer Pilot anwesend ist ;-) ). Mehrere Rundflüge zu den Vulkanen werden übernommen.

Und Ambrym zeigt uns, dass die Gerüchte um magischen Zauber keine Märchen sind: Wer erinnert sich noch an Jamie und Adam. Die MythBusters, die Wissensjäger? Die verrückten Kerle, die geprüft haben, ob man unbeschadet eine Hand in flüssiges Blei tauchen oder ein Auto mit Mentos und Cola antreiben kann? Beide Mythen wurden bestätigt.
Wir können jetzt ebenfalls mit einem ewigen Mythos aufräumen: Am Ende eines Regenbogens liegt ein Pott Gold vergraben. Confirmed!

Morgens endet der Regenbogen genau auf Jeff Bezos Boot – wenn das kein Zeichen ist.

 

An Land treffen wir auf Lori und Tim vom Katamaran. Sie zeigen uns die Hütte von Sam, einem Trommel- und Maskenschnitzer. Der Besuch ist nichts Besonderes, wohl aber sein Abendessen. Zwei Flughunde. Von ihren Flügeln befreit und über dem Feuer verkohlt, um das Fell zu versengen. Uns gruselt es. Schwarze Magie und Fledermäuse im Kochtopf, hat je etwas besser zusammengepasst?

Flughunde zum Abendessen. :shock: Oder zum Zaubertank brauen?

 

 

 

25

Meerjungfrauen

09.07. – 12.07.2026; Vanuatu, Malekula, Gaspard Bay; Tag 4.422 – 26; 29.954 sm total

 Das Schöne an Vanuatu: In Tagestrips kann man Inseln und Ankerplätze wechseln und der Wind kommt verlässlich aus Südost. Super planbar, wenn wir weiterwollen.
Wir verstecken uns eine Insel weiter in den Mangroven. Der scheußliche Schwell aus dem Süden sollte hier nicht ankommen.

Vor diesem Schwell sind wir von Epi geflohen:

 

Die Strecken sind zudem auch noch abwechslungsreich mit Blick auf Vulkane. Allerdings sorgen die vielen Inseln für ein konfuses Wellenbild.

Erstmalig ist die Anfahrt etwas tricky. Bislang haben wir Buchen in Vanuatu einfach angesteuert – achte auf Korallen rechts und links – keine Untiefen oder Blöcke versperrten die Einfahrt. Diesmal müssen wir im Zickzack um Riffe navigieren. Navionics ist recht genau, zusätzlich läuft ein Satellitenbild-Overlay auf dem Laptop mit. Und die Sonne im Rücken.

Ein paar Paddelminuten entfernt, erreichen wir einen Bach, der in unsere Bucht mündet.

Mangrovenfluss

Schoten in den Mangroven: über einen Meter lang und Kilo schwer.

 

Wir liegen herrlich ruhig. Und dann sind sie da, die Meerjungfrauen. Ein halbes Dutzend Dugongs ploppt neben Atanga an der Wasseroberfläche auf. Wohl kaum ein Tier wurde von der menschlichen Phantasie so verdreht wie der Dugong. Die alten Seefahrer machten aus der gemütlichen Seekuh die sagenumwobenen Meerjungfrauen.

Wie kann man ein plumpes, rüsselnasiges Tier mit einer grazilen Nixe verwechseln?
Vielleicht weil Dugong-Mütter  ihre Milchdrüsen im Brustbereich (unter den Flipper-Flossen) haben. Wenn sie ihr Kalb säugen, halten sie es oft mit einer Flosse umschlungen, während sie vertikal im Wasser treiben und den Kopf an der Oberfläche haben. Aus der Ferne könnte das für einsame Matrosen verblüffend menschlich ausgesehen haben.

Wir bekommen das nicht zu sehen.

Suchbild mit Dugong. Nahe ans Boot kommen sie leider nicht. Als wir mit dem Kajak unterwegs waren, haben sie sich gar nicht gezeigt. Sich mit Außenborder nähern, ist in Vanuatu verboten.

Im Gegensatz zu Manatis (die eine runde Flosse haben) besitzen Dugongs eine gegabelte Schwanzflosse – exakt so, wie wir uns den Schwanz von Arielle der Meerjungfrau vorstellen.

Bei uns besteht auch Verwechslungsgefahr: Dies könnte noch alles mögliche sein. :lol:

Da taucht sie, ab die Meerjungfrau.

Die berühmteste Seemanns-Illusion geht auf Kolumbus zurück. 1493 schrieb er in sein Logbuch, er habe vor der Küste der Dominikanischen Republik drei Meerjungfrauen gesehen. Er notierte enttäuscht, dass sie „nicht annähernd so schön seien, wie man sie auf Gemälden malt“ und dass ihre Gesichter „einige männliche Züge“ aufwiesen.

Für uns ist es ein riesiger Spaß, die Tiere zu beobachten. Dabei darf man allerdings nicht einschlafen. Das Auftauchen geht blitzschnell: Sie strecken nur kurz die Nasenlöcher aus dem Wasser, atmen innerhalb weniger Sekunden ein und aus, und tauchen wieder ab.

Wäsche waschen mit Aussicht auf Meerjungfrauen. Bester Arbeitsplatz der Welt.

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Geschäfte auf Epi

04.07. – 08.07.2026; Vanuatu, Epi, Foreland und Lamen Bay; Tag 4.417 – 21; 29.931 sm total

Bis zur nächsten Insel sind es gute fünfzig Meilen. Sollte uns unterwegs der Wind einschlafen, kommen wir im Dunkeln an. Die Tage sind noch kurz – nicht mal zwölf Stunden Licht. Wir gehen also Anker auf um 6:00 Uhr morgens. Es dämmert noch. Eine unnötige Aktion, sich so früh aus dem Bett zu schälen. Wir sind sensationell schnell, schaffen einen Schnitt von sechs Knoten und erreichen Epi bereits am Nachmittag. Wir legen einen Übernachtungs-Stopp in Foreland ein, motoren dann aber die sechs Meilen in den größeren Ort im Norden von Epi. Diese Bucht erscheint uns geschützter. So kann man sich irren.

Rauschefahrt – teilweise mit acht Knoten.

Hinter uns tauchen diese Segel auf. 3.500 qm auf einem 81 Meter langen Alu-Segler. Die 2020 gebaute Sea Eagle ist uns auf den Fersen.

Als wir zum Ankerplatz fahren, läuft die Sea Eagle hinter uns durch. Man kann das Schiff chartern: 600.000 Euro die Woche (!). Allerdings nur für zwölf Personen. Also, wer gerade seinen runden Geburtstag plant, diesmal im kleinen Kreis, hier mal die etwas andere Idee.

Lamen Bay ist ein aufgeräumter, sympathischer Ort. Geschäftig fahren Boote in die Buchten weiter im Süden oder auf die vorgelagerte Insel. Es mögen tausend Leute hier wohnen.
Ein junges Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, kommt auf uns zugerannt. Im Arm zwei riesige Pampelmusen. Sie strahlt uns an. Ich habe aus der stummen Verhandlung vom letzten Mal dazu gelernt. Ich frage sie gar nicht erst, wie viel sie dafür haben möchte, sondern biete ihr ein T-Shirt an, was ich für solche Situationen im Rucksack habe. Gebrauchte Kleidung ist neben Lesebrillen und Angelhaken ein begehrtes Tauschmittel.
Das Shirt ist mädchenhaft mit kleinen Blümchen bedruckt und dürfte ihr gut passen. Sie schaut glücklich zu mir hoch und nickt. Der Deal ist perfekt.

Wir schlendern weiter. Eine einzige Frau sitzt unter einer Überdachung und verkauft Gurken. Es muss unser Glückstag sein. Nicht nur wegen der Gurken, auch der Handel verläuft einfach. Geradezu europäisch. „Was kosten die Gurken?“ „100 Vatu das Stück.“ Wir nehmen zwei, die Dinger sind riesig.

Marktfrau auf Epi. Dass ich ein Foto möchte, ist ihr scheinbar noch nicht passiert. Sie kichert wie ein junges Fräulein und zieht das Kleid zurecht.

In der Dorfmitte treffen wir auf die anderen drei Crews, die in der Bucht vor Anker liegen. Alle samt Neuseeländer. „Wollt ihr mit auf einen Kaffee und Kuchen in Sadas Café?“ Es ist nicht weit zu laufen. Das hübsche Haus mit geflochtenen Wänden war uns schon aufgefallen. Es gibt Schokoladenkuchen und einen ausgezeichneten Cappuccino. Sensationell günstig. Eine nette Runde. Die Eudora hat sogar eine ähnliche Strecke für die nächste Zeit geplant wie wir.

Zusammen spazieren wir zum anderen Ende des Dorfes. Hier betreibt eine ältere Dame, Benny, ein mini-kleines Restaurant. Essen gibt es nur auf Vorbestellung. „Ich mache das, was es bei mir immer gibt: Gemüse und Chicken. Dazu Bananen-Pie und Früchte zum Nachtisch“. Das Huhn könnte zäh sein, warnt sie vorsorglich. :mrgreen:  Zwei Crews melden sich trotzdem zum Abendessen an. Wir verzichten, aber Benny ist geschäftstüchtig. Achim und mir verspricht sie Tomaten, wenn wir am nächsten Tag wiederkommen.

Bennys Restaurant. Winzig und hübsch mit Muschelketten verziert.

Palmenstamm vor Bennys Tür. Der tote Stamm malt ein tolles Muster.

Die zweite Nacht in der Lamen Bay ist arg. Plötzlich läuft Schwell in die Bucht. Wir schaukeln mit den anderen Booten um die Wette. Die hauen alle genervt am nächsten Morgen ab. Wir harren aus. Die Tomaten sind verlockend. Und das kleine Geschäft soll heute Eier haben.

Im einzigen Geschäft des Ortes gibt es ein paar Kosmetikartikel, Cracker und Konserven. War allerdings das Versorgungsschiff da, haben sie auch Eier und Zwiebel.

In dem Laden kann man auch Strom kaufen, um seine Geräte aufzuladen. 50 Vatu sind ungefähr 40 Cent.

Nur ein kleines Stück Straße ist betoniert. Es gibt keine zentrale Stromversorgung in Lamen. Wasser kommt aus zentralen Brunnen oder Fässern, die von den Häuserdächern gefüllt werden.

Wir paddeln noch einmal an Land. Bekommen von Benny die Tomaten, zwei Pampelmusen und eine Papaya. Als Geschäftsfrau kann man sie fragen, was sie dafür möchte, und bekommt eine klare europäische Antwort. Sehr schön.
Nur ein paar Minuten später werden wir erneut vom Vanuatu-Stil überrumpelt.
Ein Auto hält neben uns an. Eine Hand streckt uns eine Kokosnuss entgegen. Das Grüne ist bereits ab. Mühsam ist die harte Nuss entmantelt worden. Wir zögern. Eigentlich möchten wir keine Nuss. Die Hand wird ungeduldig. Wackelt mit der Nuss vor unserer Nase. „Die ist für euch. Willkommen in Vanuatu.“ Sprach‘s und gibt Gas.

Man muss dieses Land und seine Verhandlungen einfach mögen.
Den Schwell, der in die Bucht läuft, allerdings nicht. Wir sind recht hartgesotten, was Wackelei am Anker betrifft. Zwei Monate Osterinsel sind eine harte Schule. Aber das ist lange her und wir sind wahrscheinlich weich im Alter geworden. Die dritte Nacht ist nicht auszuhalten. Es ist die Frequenz der nur 30 Zentimeter hohen Wellen. Alle 1,5 Sekunden kippt der Kahn zur Seite, schaukelt sich auf, tanzt wie ein Rodeo-Bulle und beruhigt sich wieder. Nur, um eine neue Attacke zu starten.
Wir haben nach drei Nächten ebenfalls die Nase voll. Dabei wären wir noch gerne in der Lamen Bay geblieben.

Ehemaliger Anleger von Lamen. Zyklon Pam soll ihn vor elf Jahren zerstört haben.

Einzige Beschriftung auf der Pier-Ruine.

 

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Stummes Feilschen

30.06. – 03.07.2026; Vanuatu, Moso, Embas Beach; Tag 4.413 – 16; 29.872 sm total

Wir bleiben noch ein paar Tage vor dem schönen Embas Beach. Das klare Wasser bietet sich zum Rumpfputzen an. Propeller und Welle sind schon ordentlich bewachsen. Der Rumpf hat einen Rasenüberzug plus „Korallen“-Bäumchen. Nur wenig Pocken und anderes hartes Zeug. Nach zwei Tagen ist Achim zufrieden.

Mit dem Kajak unterwegs.

Das Wasser ist toll zum Schnorcheln, allerdings nur vertikal glasklar.

Der Strand besteht nur aus Korallenbruch und zermahlenen Korallen. Was für hübsche Muster dabei entstehen.

Fertig zum Tauchgang. Mit dem Tauchkompressor macht man sich Freunde am Ankerplatz. ;-)  Der ist bei uns an Bord nur zu ertragen mit Ohrschützern. Zwanzig Minuten dauert eine Flaschenfüllung.

Ich widme mich dem Edelstahl. Der Yasur hatte durch seine sauren Auspuffabgase hässliche Flecken hinterlassen. Und dann ist da der Schandfleck am Heck: der Geräteträger. Mit dem verhält es sich so wie mit Giersch in der hintersten Gartenecke. Das will man auch immer bei der nächsten Gartenrunde abarbeiten und dann kommt (leider, leider :mrgreen: ) wieder was dazwischen.

Vorher. Seit vielen Putzrunden geflissentlich ausgelassen. Ich bin zu klein und komme schlecht ran, die Kabel sind im Weg. Noch mehr Ausreden …

Geht doch!

Wir gehen noch einmal zur anderen Inselseite. Diesmal ins große Dorf hinter dem Hotel. Freundliche Menschen grüßen uns. Hier und da müssen wir ein Schnäckchen halten. „Heute Abend hat die Kava-Bar geöffnet. Kommt gerne vorbei.“

Von weitem sehen wir noch einmal die Blue Gold. Die Segel machen einen Höllenrabatz.

Schon vorbei am Hotel. Der Weg zum Dorf.

Mama Laundry zeigt uns den Weg ins Dorf. Sie kommt vom Fluss und Wäschewaschen. Mit Blume hinterm Ohr.
Wann immer wir fragen, die Leute lassen sich furchtbar gerne fotografieren.

Ein älterer Mann winkt schon von weitem: „Wollt ihr Papaya?“ Gerne. „Und Kochbananen?“ Ich zögere kurz. Die habe ich noch nicht selbst zubereitet, aber schon gegessen. Ich stimme zu, wird schon was draus werden.
Unser Kumpel verschwindet hinter seinem Haus. Er kommt mit einer großen Tüte wieder. Ungefragt hat er noch zwei Süßkartoffeln dazu gelegt.

Die Ware

„Was möchtest du dafür haben?“, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern. „Möchtest du Geld oder etwas mit uns tauschen?“ „Money“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Wie viel möchtest du?“ Wieder zuckt er die Schultern.
Oh, ich stöhne innerlich auf. Wie viel ist genug? Was ist eine Beleidigung? Als gute Mitteleuropäerin habe ich es am liebsten, wenn Preise ausgezeichnet sind. Auf dem Markt in Port Vila stehen die Preise mit Edding geschrieben auf den Bananenschalen. Das gefällt mir. Klare Ansage. Man kauft oder geht weiter. Handeln ist in Vanuatu traditionell nicht üblich. Ja, es soll sogar beleidigend sein.

Ich habe nur 500 Vatu, ungefähr vier Euro, Kleingeld in der Hosentasche. Die gebe ich ihm. Auf Grund der Erfahrung in Port Vila erscheint mir das angemessen, vielleicht etwas zu wenig. Wenn das reicht, umso besser.
„Ist das okay?“ Er sagt nichts, kein einziges Wort. Nicht mal ein Kopfschütteln bekomme ich als Reaktion. Aber sein Blick ist traurig. Achim sieht ebenfalls das Unglück in seinem Gesicht und kramt nach Kleingeld. Weitere 200 Vatu wechseln den Besitzer. Unser Freund strahlt und nickt zufrieden. Weitere 100 Vatu, die Achim noch in der Hand hält, möchte er nicht.

Eine echte Südsee-Falle, in die wir da getappt sind. Wir versuchen, das stumme Handeln zu entschlüsseln. Seinem Nachbarn gegenüber würde unser Freund seine Enttäuschung nicht zeigen, weil diese Situation untereinander nicht entstehen würde. Wenn er seinem Nachbarn die Tüte bringt, sagt der Nachbar einfach „Danke“ und nimmt das Geschenk. Es gibt keine „500 Vatu“, die zu wenig sein könnten. Er weiß, dass der Nachbar ihm dafür irgendwann beim Dachdecken aushelfen wird.

Bei uns fehlt das soziale Gefüge. Da wir weitersegeln, bricht das System zusammen. Unser Freund „muss“ einen Preis verlangen, um den Wert auszugleichen. Und weil er den Preis nicht aussprechen darf (das verbietet die Höflichkeit), muss die Mimik herhalten.

Eine Vanuatu-Lernkurve für uns. Absolutes Neuland. Französisch Polynesien und Fiji ticken da anders. Unser Freund ist jedenfalls zufrieden abgezogen und wir stehen vor einem Berg Früchte. Jetzt müssen nur noch die Kochbananen einen Weg in die Pfanne finden.

Zweimal frittierte Kochbananen: Patacones.
Bananen in Scheiben schneiden und in Öl anbraten, bis sie leicht gelb werden. Dann aus dem Öl nehmen und mit einem Becher platt drücken. Im gleichen Öl noch einmal braten, bis sie gold-braun werden. Noch Salz drauf wie bei Pommes Frites.

Sie schmecken wie etwas süßliche Kartoffeln. Außen sensationell knusprig, wie gute Pommes, innen noch weich. Sehr lecker für mich, Achim vergibt eine 4+.

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Einsame Strände und ein Millionen-Wrack

25. – 29. Jun. 26; Vanuatu, Moso, Embas Beach; Tag 4.408 – 12; 29.872 sm total

 Wir verlagern uns auf die Nordwest-Seite des Insel-Kanals. Elf Meilen Genuss-Segeln. Und dann fällt der Anker vor einem einsamen Traumstrand. Was ist in Vanuatu besser? Das Ankern oder das Segeln? :mrgreen: Wir werden hier sehr verwöhnt.

Von Efate nach Moso – kein Schwell, perfektes Segeln. Allerdings heftige Böen, wenn der Wind über Landschneisen gefegt kommt.

Blick von Bord auf Moso. Auf dieser Seite der Insel gibt es keinen Ort.

Blick vom Strand. Kaum Schwell, obwohl wir quasi auf dem offenen Ozean ankern. Es gibt kein vorgelagertes Riff. Der einzige Nachteil: Wir müssen wegen der Korallen ziemlich weit draußen ankern.

Gesunde Korallen bis zum Strand.

Bei Ebbe kurz vor Vollmond gucken die Hirnkorallen aus dem Wasser.

Gesund bis in die letzte Hirn-Windung.

Über einen Waldweg gelangen wir quer über die Insel auf die andere Seite. Dreißig Minuten einfacher Fußmarsch. Hier gibt es ein Hotel, private Luxusunterkünfte und Siedlungen der Ni-Vanuatu. Unterschiedlicher kann man kaum wohnen. Die Grundstücke grenzen direkt aneinander. Und doch lebt der Nachbar in einer anderen Welt.

Direkte Nachbarn

Harter Kontrast

Die Blue Gold ist unser Ziel. Ein Wrack der Güteklasse 1A. Der Trampelpfad führt vorbei an Bananen und Privathäusern. Sind wir bald da? Der Weg zieht sich. Wir haben kein Handy dabei und keinen Blick aufs Wasser. Sind wir etwa schon am Wrack vorbei?
Wir hören zunehmend ein Knallen. Es wird lauter, je weiter wir laufen. Wir können nicht bestimmen, was für ein Geräusch das sein könnte. Vermuten aber, dass es mit dem Wrack zusammenhängt. Wellen am Rumpf? Wir kommen nicht drauf. Ein ungleichmäßiger Rhythmus. Mal lauter. Mal leiser.
Und dann wird die Quelle für das Knallen sichtbar. Die Masten der Blue Gold ragen hoch aus dem Gestrüpp am Ufer. Segel peitschen im Wind. Das Knallen ist Ohren betäubend.
Wir stehen mit offenem Mund vor der Blue Gold. 50 Meter Luxusschrott liegen im seichten Wasser und rotten vor sich hin.

Blue Gold – 50 Meter lang, 300 Tonnen schwer, vor 11 Jahren gestrandet.

Besonders das rechte Segel knallt wie irre. Das Dorf liegt direkt daneben. Wir denken, dass die Bewohner ein Gespräch mit dem Chief über nächtliche Ruhestörung führen könnten. ;-)
Dass die Segel überhaupt noch vorhanden sind. Ein Vorstag-Segel hat sich noch nicht einmal entrollt.

Noch alles da.

Die Vorgeschichte: Zyklon Pam fegte 2015 über Vanuatu und rasierte mit Geschwindigkeiten von 250 km/h alles weg. Ein anderes Boot riss die Verankerung der Blue Gold aus dem Grund, der Koloss trieb ab und wurde von fünf Meter Wellen aufs Riff gespült. Da liegt sie nun seit Jahren wie ein gestrandeter Wal.

Das Theater über die Bergung läuft, denn die Besitzansprüche sind ein fetter Witz. Keiner weiß, wem das Wrack aktuell gehört. Und alle blockieren sich gegenseitig. Der niederländische Ex-Eigentümer hatte steuerliche Diskussionen mit den Behörden in Vanuatu. Daher lag die Blue Gold an der Kette, als das Unglück passierte. Die Behörden in Port Vila schieben Akten hin und her, und die lokalen Chiefs sagen: „Liegt auf unserem traditionellen Riff, also redet mit uns.“ Deshalb passen sie auch auf, dass niemand auch nur einen Fuß auf die Blue Gold setzt. Von außen betrachtet, fehlt nichts. Nicht eine Winsch wurde demontiert. Auch innen soll auch noch alles vorhanden sein.

Auf unserem Rückweg treffen wir auf Frank und seine Frau Sirana. Wir hatten schon auf dem Hinweg herzlich mit ihnen gelacht, weil Frank „Hallo Ladies“ gerufen hat als wir vorbeikamen und er Achim nicht als „he/him“ erkannte. Als er seinen Irrtum bemerkt, fallen er und Sirana in tosendes Gelächter ein.

Sie freuen sich, dass die Ladies noch einmal vorbeikommen. Wieder wird gelacht. Wir kommen ins Gespräch. Das Ehepaar stammt aus Port Vila, hat sich hier ein Grundstück gekauft und vermietet einfache Hütten an erholungsbedürftige Port-Vilaner. Frank weiß alles über die Fußballweltmeisterschaft. „Deutschland ist weiter, schön, wird aber schwierig. Neuer ist zu alt“, lautet sein Urteil.

Frank und Sirana bei der Yams-Ernte. Wir fragen, ob wir Papaya kaufen können. „Kommt nicht in Frage.“ Am Ende gehen wir mit drei Papaya und etlichen Mandarinen nach Hause. :-)

Er erzählt uns auch etwas über die Blue Gold: „Das Wrack gehört hier jedem. Egal, wen du hier fragst, jeder ist Eigentümer. Vor zwei Jahren hat jemand versucht, es vom Riff zu ziehen.“
Dieser Jemand ist Derek French, ein Geschäftsmann aus Australien. Er zahlte rund eine Million Dollar aus eigener Tasche für die Bergung und gab dem Dorf Moso eine monatliche Gebühr von 500 Euro, um überhaupt arbeiten zu dürfen.

Dorfbewohner tauchten mit Schnorcheln und Eimern, um den Sand unter dem Kiel per Hand wegzuschaufeln. Später kamen Hebesäcke und Schlepper zum Einsatz. Sie bewegen das Schiff während einer Springflut zwar um neun Meter, doch dann verkeilt sich ein Felsen unter dem Rumpf. Das Schleppseil riss. Die Aktion scheiterte.
Das Wrack liegt weiter auf dem Riff und niemand weiß, wie es weitergeht. Falls Interesse besteht: Das Wrack soll noch einen Wert von fünf Millionen Dollar haben.

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