Yasur, was für ein Feuerspucker!

Sa., 23. Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.375; 29.683 sm total

Nur fünf Kilometer Luftlinie vom Ankerplatz entfernt liegt einer der aktivsten Vulkane der Welt: der Yasur. Alle drei bis zehn Minuten kommt es zu einer lautstarken Eruption. Bei schwachem Wind können wir ihn bis aufs Schiff grummeln hören. Das klingt ähnlich wie Gewittergrollen. Als der Wind auf Westen dreht, machen wir Bekanntschaft mit seinen Auswürfen. Mikrokleine Basaltkörner bedecken alles mit einer schwarz-braunen Schicht. Vorsicht beim Putzen! Es handelt sich im Grunde um messerscharfe Glaskristalle. Nicht fegen oder wischen, sondern mit Wasser abspülen, heißt es.

Bei falschem Wind zieht die Wolke Modors über uns herüber. Es hagelt Kügelchen. Manchmal sollen die groß wie eine Faust sein. 

Alles ist mit Basaltkügelchen bedeckt. Die hinterlassen keine Flecken, haben aber Schmirgelfunktion. Um sie vom Deck zu sagen, haben wir nicht genug Strom. Die Pütz muss es richten.

Was den Yasur außerdem so besonders macht, er ist einfach zu besuchen. Und man kann vom Kraterrand direkt in seinen glühenden Schlund schauen. Da wollen wir hin. Wir könnten uns mit dem Geländewagen fahren lassen oder zu Fuß durch den Dschungel laufen. Da wir die Auto-Strecke schon von unserer Markttour kennen, entscheiden wir uns für die Wanderung. Drei Stunden soll der Aufstieg dauern. Die Angaben schwanken zwischen 5 und 13 Kilometern. „Und vergesst die Taschenlampen nicht. Zurück geht die Strecke im Dunkeln.“ Oha! Mir schwant Unheilvolles.

Wieder sind Magali und Cyril mit von der Partie. Zunächst müssen wir an den Strand paddeln. Wir haben uns für unser aufblasbares Kajak entschieden. Es sind nur pütschi-kleine Wellen, die an den schwarzen Strand rollen. Doch das reicht. Schaum überrollt uns von hinten, das Kajak knickt in der Mitte ein, und schon sitzen wir im Nassen. Das geht ja optimal los. Nasse, sandige Hosenböden. :lol:

Nicht zu glauben, diese Welle hat uns einen nassen Hintern beschert.

Wir haben die Tour über Donavan gebucht. Er nimmt uns um 14:00 Uhr am Strand in Empfang und erzählt, dass seiner Dorfgemeinschaft die Ostflanke des Yasur gehört. Deshalb dürfen Mitglieder seines Dorfes und Gäste, wie wir, ohne den offiziellen Eintritt bezahlen zu müssen, den Yasur besteigen. Das sei gerichtlich ausgeklagt! Im vollen Vertrauen auf diese Worte folgen wir Jimmi und Skigit in den Wald. Die beiden sind gut gelaunt und überaus willig, unsere Fragen zu beantworten. Zwischendurch gibt es Trinknüsse und Zuckerrohr zum Naschen.

Unsere Guides: total sympathische junge Männer.

Trinknuss-Genuss (foto credit: Magali von der Black Lion).

Zuckerrohr, nur zum Naschen. Rum wird in Port Resolution nicht davon gebraut. „Brauchen wir nicht, wir haben ja unser Kava“, war die Antwort.
Jedem Volk sein eigenes Rauschmittel.

Zunächst geht es steil bergauf. Die Truppe ist für meinen Geschmack etwas zu schnell. Brille wechseln, Mütze verstauen, etwas trinken. Dann gehen mir die Gründe aus, um die Gruppe zum Halten zu animieren. Die nasse Hose trocknet keinen Meter, es kommt jetzt noch Schweiß dazu.

Zwei Drittel des Weges sind leicht. Nur der Anfang ist arg steil.

Im Gänsemarsch auf schmalen Wegen durch den Dschungel (foto credit: Magali von der Black Lion).

Nach einem Drittel wird die Strecke gemäßigter.
Je näher wir dem Vulkan kommen, desto lauter wird das Grollen. Schaurig schön. Abrupt reißt der dichte Regenwald auf und wir stehen vor den Asche- und Basaltfeldern des Yasur. Der Untergrund ist stellenweise weich und es knirscht bei jedem Schritt. Heftige Böen jagen die Vulkanflanke runter. Wir stehen in den ersten Yasur-Wolken. Unangenehm. Die Luft ist dick. Schwer zu atmen. Ich krame Atemmasken aus dem Rucksack, die ich einem Tipp folgend, eingepackt habe. Ein Corona-Überbleibsel. Die Dinger helfen nicht wirklich. Während wir uns gegen den Wind über die Aschefelder stemmen, beginnt das große Husten. Die Luft ist reizend. Schuld ist Schwefeldioxid. Das Gas verbindet sich mit der Feuchtigkeit der Schleimhäute und bildet schweflige Säure. Diese Säure verätzt die oberste Zellschicht der Atemwege. Der Kehlkopf meldet ein Brennen und löst den Hustenreflex aus.
Erleichterung bringt nur, wenn die giftige Wolke vom Wind kurzfristig zerfetzt wird.

Harmlos von weitem. Der Yasur.

Mit Magali und Cyril haben wir eine tolle Begleitung gefunden. (foto credit: Magali von der Black Lion)

Nach fünfzehn Minuten erreichen wir den letzten steilen Aufstieg. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Ein halbes Dutzend Pick-ups kommt die Zufahrtsstraße hoch gefahren. Vielleicht 25 Menschen steigen aus. Eine grobe Treppe aus Beton und einem wackeligen Geländer führt zum Kraterrand. Den Kopf nach unten geneigt stemmen wir uns gegen Wind und Gaswolke.
Plötzlich ruft jemand hinter uns, wir sollen stehen bleiben. Deutlich fordert der Typ das Vorzeigen einer Quittung für das Eintrittsgeld. Alle Augen schauen auf unsere Guides. Was werden sie dazu sagen? Nichts! Nicht ein Mucks kommt über ihre Lippen. Keine Verteidigung, keine Ausflüchte, kein Wort. „Was sind das denn für Hasenfüße?“, schießt uns in den Kopf (zu Unrecht *** die Erklärung am Ende des Berichts).

Da die beiden stumm wie Fische betreten neben uns vier Touristen stehen, sucht sich der Quittungs-Mann jemanden anderen. Achim ist sein Opfer. „Quittung, oder ihr dürft nicht zum Vulkan.“ Achim reagiert schnell und richtig (erfahren wir hinterher). „Wir haben über Donavan gebucht, er hat eine Lizenz. Ihn werden wir am Ende der Tour bezahlen. Wenn du eine Quittung möchtest, komm in drei Stunden nach Port Resolution. Von uns bekommst du kein Geld.“ Der Quittungs-Mann nörgelt noch etwas herum, argumentiert, dass er nur seinen Job machen würde. „Und wir sind nur Touristen und haben mit euren Streitigkeiten nichts zu tun.“ Quittung gibt auf und lässt uns ziehen. Wahrscheinlich auch, weil inzwischen die 25 Personen zu uns aufgerückt sind und ein Streit nicht öffentlich ausgetragen werden soll.

Der Yasur von oben.
(foto credit:Cyril von der Black Lion).

Erleichtert, dass wir nicht sieben Kilometer und drei Stunden umsonst gelaufen sind, setzten wir die letzten Meter zum Kraterrand fort.
Jeglicher Windschutz ist nun verschwunden. Erste Kappen fliegen von Köpfen. Vor uns gähnt ein Schlund. Einhundert Meter tief. Senkrechte Steilwand. Davor ein klappriges Holzgeländer. Bloß nicht dagegen lehnen. Das Atmen fällt schwer, trotzdem schauen wir vorsichtig in das Loch. Abrupt ist es windstill. Es grummelt. Es ist zu fühlen, da zieht sich was zusammen.                                                    Und dann explodiert der Yasur. Glühende Lava schießt siebzig, achtzig Meter hoch. Die riesige Explosion ist seltsam träge, fast majestätisch, wie ein gigantisches, lautloses Feuerwerk in Zeitlupe. Eine feine Vibration läuft durch die Fußsohlen. Erst Bruchteile von Sekunden später, folgt der ohrenbetäubende Knall.

Ich bin so erschrocken, dass ich einen Satz rückwärts mache. Rechts und links neben mir höre ich erschrockene Schreie. Ich schreie auch. Was für ein Spektakel. Die Lava fällt in scheinbarer Zeitlupe (eine optische Täuschung) wieder in ihren brodelnden Topf zurück. Im selben Moment bricht der Sturm los. In Seglersprache: 50 Knoten – Orkanböen. Als ob jemand eine Windmaschine eingeschaltet hat.
Zum Glück drückt der Wind uns vom Schlund weg. Mit dem Wind kommen Asche und die verflixten Basaltkügelchen. Es ist schlimmer als Sandstrahlen. Nicht auszuhalten im Gesicht, in den Augen. Dazu die Husterei. Alle wenden sich ab, halten sich Augen und Ohren zu. Nach vielleicht dreißig Sekunden lässt der Sturm nach, ebbt auf ein laues Lüftchen runter. Man kann einen erneuten Blick in die Hölle wagen.

Windig und gasig.

Alle drei, vier Minuten erfolgt eine Eruption. Wenn dieser grausame Wind nicht wäre, ich könnte stundenlang dieses Schauspiel beobachten.
In der lokalen Mythologie ist der Yasur kein Berg, sondern eine mächtige, lebendige Persönlichkeit – oft wird er als ein gütiger, aber leicht reizbarer alter Mann oder Geist angesehen. Das erscheint mir zutreffend.

Nach ein paar Explosionen können wir es nicht länger aushalten. Ein geregelter Rückzug erfolgt. Am Fuß der Treppe werden wir erneut vom Quittungs-Mann aufgehalten. Betreten schauen wir uns an. Achim argumentiert wie zuvor. Wir dürfen gehen.

Inzwischen ist es dunkel. Vor uns liegen zwei Stunden Dschungel-Tour. Dank sechs Taschenlampen geht das besser als erwartet. Dass unserem Guide die Taschenlampe auf halber Strecke versagt, fällt nicht auf. Ist aber kein Zeichen von Sorgfalt. Dafür kennt er den Weg zurück. Wir hätten uns wahrscheinlich verlaufen.

Im Dunkeln geht es zurück. Spannend.
Interessanter Weise sind wir nicht von einer einzigen Mücke belästigt worden. Weder im Hellen noch im Dunkeln.
Der Einfluss vom Yasur?

In Port Resolution wartet Donavan auf uns. Er entschuldigt sich für den Vorfall am Eingang vom Yasur. Am nächsten Tag bekommen wir große Mengen Früchte geschenkt als Entschuldigung.
Wir zahlen unsere 7.000 Vatu (52,00 Euro) pro Person. Eine Quittung gibt es nicht. Aber es ist auch niemand da, der eine sehen möchte. ;-)

Wir paddeln zum Boot zurück. Mit lahmen Beinen nach dreizehn Kilometern. Aber zuerst müssen wir noch duschen. Haare und Ohren, alles sitzt voll Sand. Wir erledigen das mit zig Pütz Salzwasser. Dann sind wir bettreif und träumen vom Feuerschlund.

 

*** Die Gesetze in Vanuatu, sogenannte Kastoms.

Am Mount Yasur prallen zwei Welten aufeinander. Die offizielle Parkverwaltung verlangt von Touristen eine hohe Eintrittsgebühr (10.000 Vatu). Die Dorfgemeinschaft von Port Resolution beansprucht die östlichen Flanken des Vulkans als ihr Stammesland. Da sie von den offiziellen Einnahmen kaum etwas abbekommen, schleusen lokale Guides Touristen über die „Hintertür“ auf den Krater.

In Vanuatu gibt es kein öffentliches Land; jeder Quadratmeter gehört einem Clan. Wer das Sagen hat, wird durch mündlich überlieferte Geschichten geregelt. Das führt am Yasur zu einem Dauerstreit über Grenzen und Geldströme zwischen den Dörfern, der selbst von Gerichten nicht gelöst werden kann.

Die Security der Vulkangesellschaft fängt Wanderer auf der Kratertreppe ab, um die Gebühr einzutreiben. Dabei wird versucht, Druck auf die Touristen aufzubauen. Die lokalen Guides (besonders jüngere) halten sich bei Konflikten komplett raus, da sie in der traditionellen Hierarchie kein Rederecht gegenüber Posten oder Älteren haben.
Das System reguliert sich durch Wortgefechte und Bluffen. Sobald man als Tourist konsequent bleibt, keinen Cent extra zahlt und die Security auf den Organisator (Donavan) verweist, knicken die Posten ein, um eine echte Konfrontation zu vermeiden.

So in etwa soll die Kastom-Lage am Yasur von statten gehen. Es ist das traditionelle, ungeschriebene Lebens-, Rechts- und Glaubenssystem, das in Vanuatu seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wird. Unsere Guides durften nach Kastom-Regeln dem Älteren nicht widersprechen. Wieder was gelernt.

23

Markttag ist kein Zuckerschlecken

Fr., 22. Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.374; 29.683 sm total

Die Hauptattraktion auf der Insel Tanna ist der nahegelegene Vulkan. Uns macht für einen Besuch das Wetter bislang einen Strich durch die Rechnung. Somit liegen wir in Port Resolution länger als erwartet. Uns geht langsam das Grünzeug aus, weil wir nicht so viel schmuggeln wollten.
Hier im Dorf gibt es keinen Laden, aber im 50 Kilometer entfernten Lenakel. Zusammen mit Magali und Cyril von der Black Lion organisieren wir einen Transport. Die Fahrt kostet hin und zurück 45 Euro pro Paar. Bei dem Preis erscheint vor unserem Auge eine individuelle Fahrt quer über die Insel.

Unterwegs mit Magali und Cyril. Hier sieht es noch nach Luxusreisen aus.

Bereits im Dorf zerplatzt diese Vorstellung. Der Pick-up hält an jeder Milchkanne. Schnell ist die Ladefläche rappelvoll: sieben Erwachsene, zwei Kinder, eine große Gasflasche und diverse Taschen. Zwei Männer springen noch hinten auf die Stoßstange. Mehr passt beim besten Willen nicht.

Zwei Dorfbewohner hängen wenig begeistert an der Stoßstange. Ich muss aufpassen, dass ich dem Herren neben mir nicht den Ellenbogen ins Gemächt haue.

Gute beladen – einige müssen sogar stehen.

Volle Kiste

Begeisterung ist in alle Gesichter geschrieben

Die Straße ist in einem schlechten Zustand und verdient den Namen nicht. Aufgeweicht vom Regen der letzten Tage. Stellenweise muss der Fahrer anhalten. Die Männer springen dann von der Stoßstange. Mühsam arbeiten wir uns voran.
Der Wagen schaukelt. Das Gestänge sorgt für blaue Flecken im Rücken.

Nach einer halben Stunde wechselt der Feldweg in eine befestigte Straße. Eine Art Knotenpunkt der Pick-ups aus anderen Dörfern. Die Stoßstangen-Reiter wechseln das Auto. Ein Junge folgt ihrem Beispiel. Jetzt wird es leichter, denken wir. Unser Fahrer gibt Gas. Zu viel Gas für unseren Geschmack. Auf dem Rückweg sehen wir, dass er gerne und viel mit seinem Handy daddelt. Davon bekommen wir zum Glück nichts mit.

Es fängt an zu nieseln. Gefolgt von Regen. Dann ein Regenguss. Wir sind schon deutlich durchnässt, als der Fahrer anhält. Eine Plane wird über die Ladefläche gespannt. Sie wird notdürftig mit einem Band befestigt. Natürlich flattert die Plane wie verrückt. Es knallt und knattert, aber wir sitzen im Trockenen.
Immerhin. Besser schlecht gefahren als gut gelaufen.

Mit einem Band wird die Plane befestigt. Links, der junge Mann, ist übrigens ein Fahrgast. Hier muss jeder mit ran.

Damit die Plane nicht zu sehr schlägt, müssen die Gäste am Ende festhalten.

Regen zu Ende

Nach anderthalb Stunden kommen wir lebend in Lenakel an.
Der Markt von Lenakel ist der Ort, an dem die Insel zusammenkommt. Es herrscht ein großes Gewusel. Die Menschen reisen – genau wie wir auf der Ladefläche – von den entlegenen Dörfern an, um ihre Waren zu verkaufen.
Daneben gibt es eine Bank, eine Tankstelle und ein paar Läden mit einem einheitlichen Angebot: Reis in praktischen 25 Kilo Säcken, Dosen mit Thunfisch und Corned Beef. Waschpulver und etwas Hardware, wie Schaufeln und Schubkarren.

Nur Frauen verkaufen auf dem Markt. Fast einheitlich in Grün gekleidet.
Grün ist bei vilen protestantischen Kirchengemeinden dominant.

Mittagessen: Hühnerflügel auf Maniok oder Taro mit Spinat artigem Gemüse: 2 Euro.

Ganz toll sind die geflochtenen Bio-Tragetaschen aus Palmenblatt. Plastikeinwegtaschen sind streng verboten seit 2018. Das wird sehr gut umgesetzt.

Unser Snack sind gebackene und gezuckerte Teigröllchen. Man achte auf das Blatt als Teller.

Nach unserem erfolgreichen Einkauf stehen wir gerade mit Cyril und Magali zusammen am Straßenrand, als unser Fahrer uns entdeckt. Das ist nicht schwer. Außer uns zwei Crews gibt es nur noch zwei weitere Langnasen auf dem Markt.
„Seid ihr fertig? Dann könnte ich euch jetzt schon zurückbringen. Ich muss sowieso noch einmal hin und her fahren.“ Wir sind einverstanden und bekommen diesmal den Platz in der Fahrerkabine. Was für ein Luxus. Kostet aber nicht mehr. ;-)
Wir zahlen sowieso schon den Touristenpreis. Die Einheimischen brauchen nur zwischen 500 und 1000 Vatu zu bezahlen. Je nachdem, ob sie Waren zum Transport dabei haben. Wir haben 3.000 Vatu pro Person bezahlt. So ist das eben in Vanuatu, da kann man nichts machen und es gehört wohl zum Abenteuer dazu.

41

Schweine zwischen den Hütten und Eier am Strand

Sa.–Di., 16.–19.Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.368–72; 29.683 sm total

Frage: Warum kochen zehn Erwachsene am Strand ein paar Eier hart?
Antwort: Weil sie es können. :mrgreen:

Der nahe Vulkan Yasur streckt seine heißen Arme aus bis in die Bucht. Regelmäßig steigen Dampfwolken aus der Steilwand an unserem Heck. Am Strand muss man aufpassen, wo man hintritt, sonst gibt es verbrühte Füße.
Kennedy, ein junger Mann aus dem Dorf, lockt uns vier Crews bei Niedrigwasser an den Strand. Hier würden seine Leute aus dem Dorf ab und an tatsächlich noch kochen. Heute ist es ein Spaß für verwöhnte Städter.

Kennedy zeigt uns den heißesten Bereich. Wenn man auf die falsche Stelle tritt, gibt es heiße Sohlen.

Wenn Eierkochen zur Sensation wird. ;-)
Nach 20 Minuten sind sie wachsweich nach 30 hart.

Kennedy hat auch Instantnudeln zum Kochen vorgeschlagen. Heimlich glaube ich, dass er die Koch-Aktion auch anregt, weil für ihn immer eine kleine Extramahlzeit abfällt. Heute die Nudeln und zwei Eier.

Dezent zieht er sich zurück und putzt die Nudeln weg. So ein junger Mann hat Dauerhunger.

 

Das Dorf von Kennedy scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Wie ein großes Freilichtmuseum, nur ohne Hinweisschilder. Stünden da nicht vereinzelt Solarpanele, würden wir uns Jahrhunderte zurück versetzt fühlen: Mit der Hand behauene Ausleger-Kanus liegen am Strand. Es gibt keine Strom- und Wasserleitung. Die Wege sind unbefestigt, die Hütten mit Palmenblättern gedeckt. Geflochtene Matten dienen als Wände. Dazwischen laufen glückliche Hühner und Schweine umher.

Dorfleben – die Frauen sind bei den ganz Kleinen am Haus, die größeren Kinder in der Schule, die Männer sind Fischen.

Schweinchen laufen durchs Dorf. Es gibt aber auch Tiere hinter Zäunen.

Bescheidene Häuser aus Naturmaterialien – gekocht wird draußen.

Freilichtmuseum: hier Dachdecken. Mit vorgeflochtenen Palmenwedeln. Wer das Flechten erledigt, wäre noch interessant.

Relativ dunkle Häuser auf Stelzen. Es gibt allerdings auch Häuser aus Stein oder Wellblech. Besonders die Lehrer wohnen in steinschen Häusern.

Die Menschen leben von dem, was sie anbauen und fangen. Nur Luxus; wie Kleidung, Reis und der Transport in die „Stadt“ müssen verdient werden. Wie, ist für uns schwierig zu durchschauen. Allerdings gibt es zwei Bungalows für Touristen und an Segler werden Ausflüge ‚verkauft‘. Sind wir wieder weg, bringt ein bescheidener Handel mit Fisch und Bananen etwas Geld. Manchmal arbeiten die Ni-Vanuatu auch in Australien oder Neuseeland als Saisonarbeiter. Das schafft mehr Geld ins Dorf als jahrelange harte Kopra-Ernte.

Es gibt zwei, drei Autos im Dorf. Die gehören einzelnen Familien, nicht der Gemeinschaft. Es wird aber der Transport der Nichtautobesitzer als selbstverständlich angesehen.

Hier kann man sich als Tourist einbuchen. Nicht über booking zu finden. Der Preis beträgt wohl 75,00 Euro pro Person, hängt von der Verpflegung ab.

Ein Teil der Flotte in der Bucht. Es gibt bestimmt dreißig Kanus.

Nahe vom Strand entsteht ein neues Einbaum-Ausleger-Kanu. Drei Tage soll die Arbeit dauern.

Gefischt wir gemeinsam. Die Gruppe besteht aus zehn bis zwanzig Kanus. Es ziehen Trupps von Makrelen durch die Bucht, die sind heiß begehrt.

Der Fang gehört dem Einzelnen. Wer leer ausgegangen ist, kann Fisch gegen andere Lebtnsmittel tauschen oder kaufen vom Kumpel.

Feierabend. Jeden Tag, außer am Wochenende, wird gefischt. Mehrere Stunden.

Idylle

 

Die Dorfbewohner sind freundlich, aber eher zurückhaltend. Wir treffen auf Warry, den Bruder vom Chief. „Bewegt euch gerne frei im Dorf umher“, lädt er uns ein. „Es gibt zwei, drei Tabu-Zonen. Einfach im Dorf fragen, dann wird man euch schon Bescheid geben. Die Tabu-Schilder wurden leider vom Zyklon umgerissen“.
Warry spricht Englisch. Eine von drei Amtssprachen in Vanuatu. Auch die Bücher und Ankündigungen auf der Tafel in der Schule sind englisch. Kaum zu glauben, dass trotzdem nur vierzig Prozent der Ni-Vanuatu diese Sprache beherrschen sollen.
Es gibt 65 bewohnte Inseln, jedoch 138 Sprachen. Eine verrückte Dichte. Jedes Dorf hat seinen eigenen Slang. Dafür wurde Bislama, das lustige Pidgin-English kreiert. Als dritte Amtssprache und verbindendes Element untereinander. Jetzt auch für uns ganz nützlich.
„Halo. Olsem wanem? – Wie geht’s?“, ist jetzt Namba tu in unserem Dorf-Wortschatz.

Große Pause. Gespielt wird Fangen und ein Ballspiel. Der Ball ist eine harte, unreife Frucht. 300 Kinder sollen hier, auch aus anderen Dörfern, zur Schule gegen.

Von außen dachten wir, dass die Schule eine Ruine sein. Nein, dieser schäbige Raum ist aktiv. Tafeleintrag vom 12. Mai 2026.

Das Schulmaterial. Es lag auf einem Tisch neben der Tafel. Am Sonntag konnten wir einen Blick in die leeren Klassenzimmer werfen.

Merksätze an der Schulwand.

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Nambawan!

Mi.–Fr., 13.–15.Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.365–7; 29.683 sm total

‚Nambawan‘ ist Bislama (Pidgin English), leitet sich von ‚Number One‘ ab und bedeutet so viel wie ‚großartig‘ und ‚das Beste‘. Selbst ein Bier heißt so in Vanuatu.
„Wenn die Offiziellen bei euch an Bord sind, dann solltet ihr das Wort benutzen“, gibt uns unsere Segelfreundin Carina als Tipp auf den Weg. Bereits zweimal war sie in Vanuatu. „Das öffnet Herzen und freut die Menschen sehr.“

Vorgeschichte: Port Resolution ist kein offizieller Einklarierungshafen. Die Ankersituation auf der anderen Seite der Insel, in Lenakel, soll katastrophal sein. Daher haben wir per Mail einen Antrag gestellt, in Port Resolution einklarieren zu dürfen. Die Genehmigung kommt prompt. Die Behördenmitglieder fahren in diesem Fall mit dem Auto eineinhalb Stunden aus Lenakel rüber. Das kostet Extragebühren – die sind wir bereit zu zahlen.

Mittwoch: Um 10:00 Uhr fällt der Anker. Achim informiert die Behörden, dass wir angekommen sind. Um 10:30 Uhr die Antwort: „Der Zoll kommt um 12:00 Uhr. Habt euer Dinghy bereit, wir rufen über Funk, sobald wir da sind.“
Hui, die sind ja flott hier! Hektische Betriebsamkeit bricht aus. Dinghy ins Wasser lassen und schnell noch duschen, nach zwei Tagen auf See.

Niemand kommt. Um 15:00 Uhr fragt Achim nach per Mail. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Entschuldigung für unsere Verspätung. Wir kommen heute nicht mehr. Die Regierung braucht das Auto.“ Ob es sich bei der ‚Regierung‘ um echte Regierungs-Mitglieder handelt oder ob die Ehefrau vom Schreiber gemeint ist, bleibt ungeklärt.
Wir geben unsere freudige Bereitschaft kund, zu warten. Dann die Ernüchterung: „Wenn es für Sie wegen der Überstundengebühren machbar ist, würden wir die Einklarierung gerne morgen durchführen. Morgen ist ein Feiertag.“
Hui, die sind ja frech hier!

Donnerstag, Himmelfahrt: Um 13:00 Uhr hören wir dauerhaftes schrilles Pfeifen von Land. Zusammen mit der ‚Black Lion‘, die nur eine Stunde nach uns in die Bucht eingelaufen ist, geht es an Land. Mit drei Mann hoch steht der Zoll mit seinem Pick-up am Dorfrand. Sie mussten nach uns pfeifen, weil Immigration heute das Funkgerät hat. :mrgreen:
Auf der Heck-Klappe vom Auto müssen die ausgefüllten Formulare, die Achim schon per Mail gesendet hat, noch einmal per Hand ausgefüllt werden. Achim hatte so etwas geahnt und in Nouméa Ausdrucke machen lassen.

Die normale Zollgebühr beträgt 5.000 Vatu. Die extra Anfahrtskosten von 3.000 Vatu teilen wir durch zwei Boote. Der Feiertagszuschlag: 6.000 Vatu – knapp 45 Euro!
Wir bekommen eine offizielle Quittung über die Beträge. Eine Recherche gibt Hinweise, dass der Feiertagszuschlag in den Taschen der Beamten landet. Zumindest der größte Teil. Geschickt eingefädelt. Nur nicht ganz so geschickt, dafür zu dritt aufzutauchen.
Wann Immigration und die Biosecurity kommen werden, wissen die Jungs nicht. Warum sie nicht mit im Auto gesessen haben, ist uns ein Rätsel.
So kann der Zoll jetzt aber noch kein ‚Nambawan‘ bekommen.

Kein Auto, kein Funkgerät, aber Siegel sind am Mann.
Diesen versiegelten Umschlag erhalten wir vom Zoll. Der ist abzugeben beim Ausklarieren in dem von uns gewählten Hafen. Es steht Port Vila drauf, die Hauptstadt. Das soll aber nicht stimmen. Hoffentlich wissen das dann am Ende auch die anderen.

Freitag: Um 12:00 Uhr knattert das Funkgerät. Immigration und Biosecurity wollen vom Strand abgeholt werden. Cyril von der Black Lion ist so nett und nimmt Achim mit an Land. Dort steigen zwei Personen ein. Zunächst geht es zur Black Lion, einem Katamaran. Achim kann dort gleich für uns beide die Formalitäten mit erledigen. Es gibt nach langer Zeit sogar mal wieder einen Stempel in den Pass. Wir bekommen das Maximum von 120 Tagen und brauchen uns nicht noch einmal um Verlängerung bemühen in der Hauptstadt. Fein.
Die Biosecurity interessiert sich für nichts. Es wird darauf verzichtet, auch noch bei uns an Bord zu kommen. Auf unseren schwankenden Mono zu klettern, dazu fehlt offensichtlich jede Meinung.
Ich kann überzählige Salami, Käse und Zwiebeln wieder aus dem Schrank holen. Nambawan!

Immigration: 10.000 Vatu. Biosecurity: 3.000 Vatu, extra Anfahrkosten 3.000 Vatu. Diesmal pro Schiff. Warum? Nicht fragen, freundlich lächeln. Es hätten auch noch extra 3.000 Vatu fällig werden können für gesammelten Müll, pro Tüte. Das entfällt. Der lagert weiterhin an Bord.
Insgesamt kostet uns die Einklarierung 140,00 Euro und erreicht mit 48 Stunden Wartezeit den Spitzenplatz. Nambawan!

Schöner wohnen! Unser Ausblick für zwei Tage Richtung Osten.

Flüssiger Sonnenschein. Blick Richtung Westen.

Eine ‚Lange Anna‘ im Norden, am Eingang zur Port Resolution Bucht.

Wir genießen unsere Freiheit. Der Dinghy-Landeplatz liegt ruhig im Osten der Bucht.

Zu viert liegen wir im Augenblick in der Bucht. Alle aus Nouméa gekommen. Die ersten Boote auf Tanna in diesem Jahr.

Die Bucht besteht überwiegend aus schwarzem Strand. Ein Gruß vom nahen Vulkan.

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Überfahrt nach Vanuatu

Mo.–Mi., 11.–13.Mai 26; Pazifik; Tag 4.363–5; 29.683 sm total

Der gute Teil: Es war eine der entspanntesten Überfahrten seit langer Zeit. Zunächst erforderte das erste Drittel der Strecke ‚am Wind segeln‘. Auf unserem direkten Weg liegt eine Insel mitten im Weg. Macht nichts, wahrer Wind 14 Knoten. Seglers Glückseligkeit. Wir kommen flott voran ohne große Bolzerei.

Wie ein Golf Green liegt die Windprognose für 48 Stunden vor uns.

Nach sieben Stunden können wir Kurs Tanna anlegen. Jetzt halber Wind. Atanga liegt nun stabil auf der Backe. Nichts wackelt oder klappert.

Nicht nur Grren, manchmal auch Semi-Rough: Ein Squall macht Achim Arbeit.

 

Der schlechte Teil: Darüber möchte ich den Mantel des Schweigens legen. Während Atanga glänzte, ging es mies. Dauerübelkeit, Darmkrämpfe und feststeckende Blähungen.
Am ersten Abend hatten wir noch die Reste der vorgekochten Hühnersuppe. Danach gab es nur noch altes Baguette und Knäckebrot. Ich war zu nichts fähig. Achim – der Held der Überfahrt – hat sich am zweiten Abend Nudeln gekocht und mit Ketchup gekrönt. Besonders in der ersten Nacht hat er einen erheblichen Teil meiner Wache mit übernommen.
Wir sind beide hohlwangig und haben Ringe unter den Augen. Dankbar, dass die Überfahrt so einfach war.

 

Die Ankunft: Am dritten Morgen dann Tanna in Sicht. Endlich bin ich wieder brauchbar. Die Einfahrt von ‚Port Resolution‘ liegt an der Ostseite von Tanna. Ungebremst rollt der Pazifik gegen die Küste. Ein Saumriff gibt es nicht. Wenn man aus Südwesten kommt, muss man einen Knick von 180 Grad fahren. Das bringt den Genuss von Schwell auf alle Bootseiten. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, dann fällt der Anker auf 4,5 Meter.

Südspitze von Tanna – alles voller Vulkane.

Der Yasur liegt genau neben unserem Ankerplatz. Alle paar Minuten pafft er dunkle Wolken in den Himmel. Das wird noch spannend hier.

243 sm von Casy nach Port Resolution. Wir haben zwei Tage und drei Stunden gebraucht. Genau, wie das Routingprogramm es berechnet hat (siehe Bericht Vanuatu Tag 1).
Ob es nun an der guten Performance der Crew oder des Programms gelegen hat. Man weiß es nicht. ;-)

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