In den Highlands: Wo Rindviecher auf Roboter treffen

8. März 2026; Australien/Tasmanien/Bethume; Tag 28, Tageskilometer 55, gesamt 1.696 km

Wir fahren eine gute Stunde weiter und finden einen weiteren Stausee. Und einen weiteren kostenlosen Stellplatz. Auch dieser gehört zu „Hydro Tasmania“. Dieses ist der staatliche Energieversorger und einer der größten Land- und Wasserbesitzer Tasmaniens.
Hydro bewirtschaftet die Seen für Wasserkraft und stellt die Uferbereiche für die Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung – quasi als Gegenleistung dafür, dass sie die Natur für die Energiegewinnung nutzen. Ein moderner Ablasshandel für die Energiegewinnung: Solange ihr euren Müll mitnehmt, haben wir einen Deal mit euch.

Der Blick aus der Camper-Tür. Der nächste Ort ist acht Kilometer entfernt. Ein netter Platz mit zwanzig Mitcampern auf trockener Wiese.

Dass es sich um einen Stausee handelt, ist nicht mehr zu erkennen. Malerisch liegt dieser eingebettet in die hügelige Landschaft der Highlands. Die Waldgebiete liegen hinter uns. Viehwirtschaft dominiert. Früher hauptsächlich Schafe, heutzutage Black-Angus-Rinder. Diese stehen fotogen in der Landschaft und ahnen nichts von ihrer Zukunft: zartschmelzendes Fleisch auf tasmanischen Grills.

Wir sind keine zwei Autostunden von Hobart entfernt. Die Vögel über dem Camper sind Kakadus.

Angus – noch ahnungslos und glücklich drein schauend.

Die gesamte Region hat seit Jahrzehnten mit abnehmenden Niederschlägen zu tun. Abhilfe schaffen effiziente Beregnungsanlagen, die „Center-Pivot-Anlagen“. Das System besteht aus einem mobilen Rohrarm, der an einem festen Mittelpunkt verankert ist. Der Arm ruht auf fahrbaren Türmen mit Elektromotoren. Damit sich der Arm nicht verbiegt, steuert ein Computer die Geschwindigkeit jedes einzelnen Turms. Der äußerste Turm muss logischerweise viel schneller fahren als der innerste. Entlang des Rohrs hängen Sprinkler. Die Düsenöffnungen werden nach außen hin immer größer oder die Abstände geringer, weil die äußeren Düsen in derselben Zeit eine viel größere Fläche abdecken müssen als die inneren.

Hightech vom Feinsten. Es gibt gigantische Anlagen mit über 800 Metern Radius, die bis zu 200 Hektar mit einer einzigen Umdrehung abdecken. Eine Grenze setzt nur die Statik des Rohrarms. solche Anlagen gibt es schon Jahrzehnte, aber die neuen Generationen sind KI-gesteuert. Kontrolliert mit dem Smartphone vom Sofa aus.

Dies ist eine kleine Anlage.
Sie entscheidet basierend auf integrierten Wetterstationen in Echtzeit, ob sie die Geschwindigkeit drosselt oder erhöht. Wenn eine Gewitterfront aufzieht, stoppt das System automatisch, um Wasser zu sparen.

Die Highlands von Tasmanien.
Ohne Bewässerung ist das Gras im tasmanischen Sommer oft braun und im Wachstums-Stopp. Mit Bewässerung kann die Menge der Tiere pro Hektar locker verdoppelt oder sogar verdreifacht werden. Kostenpunkt einer kleinen Beregnungsanlage: 100.000 Euro.

Auch der Ackerbau in der Region wird ‚remote‘ kontrolliert. Selbstfahrende Trecker pflügen exakte Furchen in die Erde. Bis auf zwei, drei Zentimeter genau. Mit Drohnen werden die Felder überwacht. Sensoren messen die Photosynthese-Aktivitäten der Pflanzen.
Bauer Harms sieht auf einer digitalen Karte, welche Stellen auf dem Feld Stress haben (Wassermangel, Stickstoffmangel oder Schädlingsbefall). Dann kommt eine zweite Drohnengattung zum Einsatz: die Dünger- und Pestizid-Sprüher. Bis 50 Liter Flüssigkeit können diese Drohnen tragen und sprühen nur die Bereiche auf dem Acker, die es nötig haben.

Von dem digitalen Wettrüsten merken wir nicht viel. Es ist ländlich-idyllisch. Die Schafe grasen unbeeindruckt auf der Weide. Brombeerranken haben die Feldränder erobert. Innerhalb einer halben Stunde könnten wir zwei Kilo Früchte sammeln. Hagebutten zeigen erste rote Bäckchen. Beide Pflanzen gehören hier nicht her. Es sind echte Pestpflanzen, im 19. Jahrhundert von den Siedlern aus Europa mitgebracht worden.
Für uns wirken sie vertraut. Und plötzlich weht ein Hauch Dänemark über die Hightech-Felder der Highlands. Wir könnten auch auf Fünen sein, wäre da nicht das laute Kakadu-Geschrei.

Das Wetter droht seit zwei Tagen mit Regen – aber es bleibt trocken :-) Sehr lange Brücke mit nur einer Fahrbahn zum Campingplatz.

Diese Verkaufsanzeige sehen wir beim Ströpern durch die Feldmark.
25 Hektar Land, zum Teil mit Wein. Hübsches Haus mit sechs Zimmern und zwei Bädern. Das Haus ist von der Straße aus nicht zu sehen.
Zufällig finden wir ein paar Tage später in Hobart beim Immobilienmakler im Fenster dieses Angebot wieder: knapp 2,5 Millionen Euro.
Aber schon schön. Und Tasmanien kann auch grün sein. ;-)

Sollen wir das Prachtgrundstück kaufen oder doch lieber zum Schiff zurückkehren?

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Campen am See

6. März 2026; Australien/Tasmanien/Tungatinah; Tag 26, Tageskilometer 134, gesamt 1.641 km

Wir verlassen Queenstown ostwärts. Die Straße windet sich von jetzt an in engen Kurven die Berge hinauf. Innerhalb weniger Kilometer schrauben wir uns 550 Meter hoch. 99 Kurven sollen es sein. Zunächst sind die Berge noch kahl. Ein Schaden des exzessiven Minenbaus in Queenstown. Zögerlich erobern sich robuste Akazien und Eukalypten den kargen Boden zurück. Es ist mehr struppiges Gebüsch als Wald.

Wilde, kurvige Strecke

Dann erreichen wir „kühlen Regenwald“. Kein Tropen-Dschungel, sondern ein verwunschener Nebelwald. Alles – wirklich alles – ist von einer dicken, weichen Schicht aus smaragdgrünem Moos überzogen. Es dämpft jedes Geräusch, sodass im Wald eine ehrfürchtige Stille herrscht. Mächtige Baumfarne recken ihre Wedel wie grüne Sonnenschirme in die Höhe.

Moos – Tonnen an Moos

Zum Ende der Strecke wird der Wald offener. Der feuchte Regenwald weicht trockenem Eukalyptuswald. Hier dominieren riesige „Gum Trees“ (Eukalyptus auf Australisch). Deren Rinde hängt in langen Streifen herab. Am Boden wächst Knopfgras, das in den sumpfigen Hochebenen riesige Flächen bildet.

Der Wald öffnet sich zu einer wunderschönen Landschaft.

Warum heißt das Knopfgras Knopfgras? ;-)

Eine bezaubernd schöne Strecke. Hier ist Tasmanien nur 250 Kilometer breit und trotzdem fahren wir auf 130 Kilometern durch keinen einzigen Ort. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Wir wählen einen Campingplatz an der Tungatinah Lagoon ohne Infrastruktur – außer einem Plumpsklo. Eine ausgezeichnete Entscheidung. Ein Stellplatz direkt am See. Diese „Lagoon“ gehört zu einem komplexen System aus Kanälen, Stauseen und Rohrleitungen. Für ein Wasserkraftwerk, bereits in den 50er Jahren angelegt. Die Natur hat sich die Lagune längst zu Eigen gemacht. Forellen schwimmen im See und Wombats wohnen am Ufer.

Der Blick aus dem Auto. Unser Nachbar hat ein Boot dabei und fährt direkt ans Ufer. Typisch Australien.

Wir stehen auf 650 Metern. Es wird abends schnell kühl. Unser feines Auto hat einen Heizlüfter und eine Gasheizung. Auf Campingplätzen mit Stromanschluss haben wir bisher nur den Heizlüfter benutzt. Der ist schnell in Betrieb genommen und keiner muss morgens aus dem warmen Bett in die Kälte, um das Gas anzudrehen.
In Tungatinah testen wir das erste Mal die Gasheizung. Fein. Fein. Der Thermostat funktioniert tadellos und der kleine Innenraum verwandelt sich schnell in eine warme Höhle.

Mit glänzenden Augen schauen wir trotzdem auf die sicher aufgeschichtete Feuerstelle neben unserem Stellplatz. Darf man oder darf man nicht um diese Jahreszeit kokeln? Geldstrafen starten bei 3.000 Euro und die größte Belohnung sind 12 Monate Gefängnis.
Wir befragen das Internet und unseren angelnden Camping-Nachbarn. Beide geben „Feuer frei“.

Die Umgebung vom Seeufer ist abgegrast. Außer kleinen Stöckern ist hier nicht viel zu finden. Wir machen einen ausgedehnten Spaziergang und kommen mit genug Beute für einen netten Abend zurück. Am meisten Spaß machen die abgefallenen Rindenstreifen der „Gum-Trees“. Helles Schlohfeuer vom Feinsten. Perfekt für kleine Feuerteufel.

Nachmittags gehen wir sammeln. Leider keine Wombats zu sehen und auch keine Schlangen. Dabei sind die Bedingungen perfekt.

Jeder Knüppel zählt!

Unsere Beute, sauber sortiert …

Noch eine Werbefoto für Autorent. Ein so tolles Auto.

Erst wollte Achim nicht. Das Ergebnis sieht man. :-)

  • Campingplatz: Null Euro

 

Internet Talk

In Tungatinah (und bereits einigen anderen Standorten) haben wir keinen Internetempfang. Kein Problem! Wir haben ja unsere Starlink-Mini mit nach Australien genommen. :mrgreen:
Die passt gerade in Achims Handgepäck-Rucksack. Und mit einem guten Kilo ist sie auch noch schlepp-tauglich.

Unseren Vertrag hätten wir für einen Monat sowieso nicht gekündigt, da Starlink in Neukaledonien eigentlich gar nicht zur Verfügung steht. Wir hätten viel zu viel Angst gehabt, dass wir den Vertrag nicht wieder aktiviert bekommen.
Da kam uns die Idee: Wenn wir sowieso schon bezahlen, dann können wir den Starlink auch mitnehmen. Und es spart uns, eine lokale SIM-Karte kaufen zu
müssen. ***
Voilà! Es funktioniert perfekt. Eine ziemlich coole Erfindung, der Starlink.

Der Starlink auf dem Schrank – Empfang durchs Dach der Wohn-Shell kein Problem. Der Monitor auf der Ablage ist ein Fernseher. Er hat keinen Empfang, macht nichts, den brauchen wir absolut gar nicht.

 

*** Dass wir trotzdem eine SIM-Karte kaufen mussten, ist eine andere Geschichte. Es liegt an der australischen Liebe zum Telefonieren. In ländlichen Gebieten nutzen die Aussies und Tasmanier das Handy überdurchschnittlich oft für echte Anrufe. Angeblich fast zu 99 %. Wenn man sich selten sieht, wird am Telefon ausgiebig gequatscht.
Und somit brauchten wir eine australische Telefonnummer zum Reservieren von Campingplätzen und für andere Auskünfte. Online-Buchungssysteme sind häufig schlecht gepflegt und fehlerhaft.

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Der leere Westen

04.-05. März 2026; Australien/Tasmanien/Queenstown; Tag 24-25, Tageskilometer 131, gesamt 1.507 km

Tassie hat die Form eines recht gleichmäßigen Dreiecks. Teil man die Insel in der Mitte, dann wohnen im Westen weniger als fünf Prozent der Tasmanier. Krass.
Wir verlassen unseren wilden Campingplatz und kommen durch Zeehan.

Geteiltes Tasmanien. Stanham und Queenstown erfahren immerhin noch eine Erwähnung auf der Karte. Das sind nicht mal Kleinstädte.Der Rest ist Nationalpark oder Schutzgebiet. Und Holzwirtschaft.

In seiner Blütezeit war Zeehan so reich durch Silber- und Bleifunde, dass es einen fast absurden Luxus bot. Es gab über 20 Hotels und eine prächtige Oper, das Gaiety Theatre. Man erzählte sich, dass die Bergleute so viel Geld hatten, dass sie Champagner aus Eimern tranken und die Schauspielerinnen mit Silbermünzen bewarfen, wenn ihnen der Auftritt gefiel.
Über 20.000 Menschen wohnten hier, jetzt sind es keine tausend. Der Verfall der Stadt ist an jeder Ecke zu sehen. Tourismus auf kleiner Flamme, ein paar Mountain-Bike-Strecken werden beworben.

Ein paar hübsche Details sind noch erhalten in Zeehan – das meiste sieht vergammelt aus.

Fast alle alten Häuser stehen leer.

Unser nächster Stopp liegt wieder am Wasser: Strahan. Keine Minenstadt, sondern das einstige Sägewerk-Zentrum von Tasmanien. Die begehrte Huon Kiefer wurde hier verarbeitet. Sie wächst extrem langsam (oft nur 1 mm pro Jahr) und kann über 3.000 Jahre alt werden. Das Holz enthält so viel Methyl-Eugenol, dass es fäulnisresistent ist. Es riecht herrlich und ist für den Schiffbau perfekt. Die Mühlen in Strahan verarbeiteten dieses Holz im Akkord, um Schiffe für das gesamte Britische Empire zu bauen.

Der Hafen von Stranhan. Witziger Weise haben wir hier die Teilnehmer der ‚Rund Tasmanien Rally‘ wieder getroffen. Einige Boote waren eine Woche in Stanley an der Nut gefangen.

Heute profitiert die Stadt von ihrem idyllischen Hafen und der Tatsache, dass die ‚Coast Wilderness Railway‘ hier ihre Endstation hat. Die Bahn wurde nicht gebaut, um Touristen die schöne Aussicht zu zeigen. Sie war eine reine Kupfer-Autobahn, um das Metall aus Queenstown verschiffbar zu machen. Da es keine Straßen gab und der Fluss zu wild war, blieb nur die Schiene. Die Arbeiter mussten sich mit Äxten und Schaufeln durch einen der dichtesten Dschungel der Welt graben.

Das Foto ist während des Baus entstanden. 1899.
Die Herren im Anzug wollten den Erfolg dokumentieren, und die Arbeiter wurden oft als Zeichen der „Bezwingung der Natur“ mit ins Bild genommen. Dass sie auf einer Brückenkonstruktion stehen, sollte die technische Meisterschaft unterstreichen – man blickte buchstäblich auf die Wildnis herab, die man gerade besiegt hatte. [Abfotografiert im Bahnhof von Queenstown]

Die Strecke zwischen Strahan und Queenstown ist so steil, dass normale Lokomotiven einfach abrutschen würden. Man importierte das Abt-Zahnstangensystem aus der Schweiz. Zwischen den Schienen liegt eine gezackte Stange. Die Lokomotive hat ein drittes Zahnrad unter dem Kessel, das sich dort einhakt. So „klettert“ der Zug den Berg hoch. Es war die erste Bahn dieser Art in Australien und ist heute eine der wenigen weltweit, die noch mit den Original-Dampflokomotiven aus den 1890ern betrieben wird.

Zu sehen bekommen wir die Bahn in Queenstown. Hier quartieren wir uns zwei Nächte ein und unternehmen ein paar Streifzüge durch den Ort. Die Bahn ist die Hauptattraktion. Selbst wenn wir mit ihr fahren wollten: „Ausgebucht bis Ende März.“

Queenstwon – in einem schmalen Tal gelegen.

Mitten im Ort – prominent der Bahnhof für den Zug.

Zu unserer Enttäuschung kommt die Lok rückwärts nach Queenstown eingedampft. Das sieht uncool aus.

Es gibt eine Drehscheibe hinter dem Bahnhof. Die wird aber nicht genutzt.

Vielleicht schaut der Heizer deswegen auch so verzweifelt, weil er weiß, dass er gleich wieder aus dem Bahnhof fährt, die Lok abkoppeln, Weichen stellen und alles wieder zusammenfügen muss.

Hochglanzpolierte Waggons. Drei Stunden mit dem Zug kosten 100,00 Euro.

Werbefoto für die Zugfahrt – schade dass keiner der Fahrgäste das so sieht. [abfotografiert im Bahnhof von Queenstown]

Unsere Nachbarn vom Campingplatz.

  • Campingplatz: 33,00 Euro

Camp Kitchen Talk

Da unser kleines Wohnmobil kein Raumwunder ist, kochen wir, wenn möglich, in den Camp-Küchen. Das ist meistens sehr brauchbar. Je mehr Dauergäste und Wiederholer ein Platz hat, desto besser die Küchen. Dann gibt es auch oft die Gelegenheit für ein Schwätzchen. Vor ein paar Tagen wurden wir sogar eingeladen, unbedingt in Horbart vor unserem Abflug bei unseren Tischnachbarn vorbeizuschauen. Sehr angenehm.

Kommen viele Touristen, sprich viel Durchgangsverkehr, ändert sich häufig das Bild. Benehmen ist Glücksache. Gäste sitzen mit dem Hintern und barfuß auf dem Esstisch und kochen ein Süppchen auf ihrem eigenen Kocher. Wer das macht, wischt auch mit dem Lappen in der Spüle den Fußboden (selber gesehen!). Augen auf beim Lappengebrauch. :mrgreen:

Und manchmal schämen sich auch die Camp-Betreiber nicht. ein Dreckloch als Küche anzubieten. So in Queenstown. Bäh. Dann kochen wir in unserer Puppenstube.

Bähhh – der Preis für eine Übernachtung sagt nichts aus über die Qualität. Dieser Platz kostet 33,00 Euro.

 

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Tarkine – Albtraumstrecke für Autovermieter

3. März 2026; Australien/Tasmanien/Tarkine/Granville Harbour; Tag 23, Tageskilometer 141, gesamt 1.376 km

Hinter dem letzten Haus von Arthur River hört alles auf, was man Straße nennt: Asphalt, Verkehr, Orte. Auf der Piste durch die ‚Tarkine‘ fährt man automatisch langsamer, selbst wenn man gar nicht müsste. Links Regenwald, rechts Regenwald. Mächtige Scheinbuchen und Huon-Kiefern. Überzogen mit Moos und Flechten. Dazwischen offene Buttongrass-Flächen. Die sehen aus, als hätte jemand eine grün-goldene Steppe in den Wald gemalt. Die Tarkine ist der größte zusammenhängende Regenwald in Australien. Ein Naturerbe vom Ur-Kontinent Gondwana.

Der Blick auf die Landschaft ist phantastisch.

 

Enge Straßen – macht nichts, es kommen uns in Summe nur drei Autos entgegen.

Vor 13 Monaten hat es leider großflächig gebrannt – ein neuer Austrieb von knapp 50 Zentimetern ist schon zu sehen.
Die Brände wurden durch Trockengewitter (Blitzeinschläge) ausgelöst und durch eine extreme Hitzewelle und Trockenheit im Januar und Februar 2025 angefacht. Besonders kritisch war, dass das Feuer bis auf wenige Meter an uralte Huon-Pine-Bestände herankam, die teilweise über 3.000 Jahre alt sind.

Für unsere Geduld zwei Nächte in Arthur River ausgeharrt zu haben, bekommen wir fetten Lohn. Die Sonne strahlt vom Himmel. Das macht die Fahrt einfacher. Vor uns liegen über einhundert Kilometer Schotterstraße. ‚Maps.me‘ sagt, wir sollen vier Stunden planen. Ein Schild am Straßenrand behauptet: Eine Stunde und 55 Minuten. Wir rätseln über die 55 Minuten. Wird das Schild jedes Mal ausgetauscht, wenn jemand einen neuen Rekord gefahren hat?
Am Ende brauchen wir gute drei Stunden.

Ich hatte uns diese Strecke vom Autovermieter extra genehmigen lassen. Nach den drei Stunden wundern wir uns, dass wir die Erlaubnis bekommen haben. Viele Schlaglöcher und einige heftige Steigungen überraschen uns. Es ist nicht so, dass unser Vehikel das nicht schaffen könnte. Aber die Schüttelei hält zehnfach aufs Material, wie wir leidvoll im großen Australien selber feststellen durften. Außerdem sind die Reifen am Mietauto keine echten Offroader. Ihnen fehlt ‚more aggressive‘.

Es wird bergiger.

Die vier Spanner, die unsere Wohnkabine auf dem Auto-Chassis halten, haben sich los gejackelt.
Mit dem Leatherman kann Achim Schlimmeres verhindern. Splinte fehlen. Bei zwei Spannern sind nur ein paar Gewindegänge genutzt.
Vielleicht sollte da mal ein Rigger oder Bootsbesitzer drauf schauen. ;-)

Wir erreichen Corinna am Pieman River gelegen. Die einzige Siedlung auf der Strecke.
Corinna wurde im Jahr 1881 gegründet, nachdem in der Region Gold entdeckt worden war. In seiner Blütezeit war es eine Pionierstadt mit über 2.500 Einwohnern. Es gab zwei Hotels, mehrere Läden, ein Postamt, eine Schule und sogar eine eigene Zeitung.

Da es damals keine Straßen in diesen Teil der Westküste gab, war Corinna der wichtigste Versorgungshafen für Minenarbeiter. Schiffe fuhren vom Meer kommend die Mündung des Pieman River hinauf, um Vorräte zu bringen und Erz abzutransportieren. Der Goldrausch hielt nicht lange an. Anfang des 20. Jahrhunderts war Corinna fast vollständig verlassen und verfiel zur Geisterstadt.
Heute ist Corinna ein geschütztes historisches Juwel: Einige der ursprünglichen Holzgebäude wurden restauriert oder im passenden Stil wiederaufgebaut. Man hat die Möglichkeit, im Urwald zu übernachten. Das würden wir gerne, aber der Zeltplatz (nur zehn Plätze) ist ausgebucht bis Ende März.

Eines der Resthäuser. Heute Eco Lodge. Ausgebucht auf Wochen.

Wir lassen uns in Corinna von der ‚Ein-Auto-zur-Zeit-Fähre‘ auf die andere Flussseite übersetzen. Die Fähre ist an dicken Stahlseilen geführt, die über den Pieman River gespannt sind. Ein alter Dieselmotor treibt die Fähre an. Früher musste man sich per Hand selber rüber ziehen.

Auf Knopfdruck kommt der Fährmann. Kostenpunkt stolze 18,00 Euro.

Wir fahren noch dreißig Kilometer weiter nach Granville Harbour. Eine kleine Gemeinde, vielleicht zwanzig Häuser, keine Geschäfte, keine Kneipe. Wir schauen uns den dazugehörigen Campingplatz direkt am Wasser an.
Liebe auf den ersten Blick. Der Weg zum Campingplatz ist sehr schlecht. Aber hier wollen wir unbedingt bleiben! Wir suchen uns einen Stellplatz noch vor dem eigentlichen Campingplatz. Es sind noch zweihundert Meter. Wir verzichten auf die Holperpiste. Unser Vermieter soll doch keinen Herzinfarkt erleiden, falls er in seinem Büro auf den Tracker schaut, wo sich sein Fahrzeug gerade befindet. :mrgreen:

Fast leer Platz – nur zwei weitere Camper stehen mit uns am Wasser.

Diese Strecke wollen wir dem Leihwagen nicht antun.

Ich mache noch ein paar Werbefotos für den Vermieter. Damit der weiß, wo sein Auto überall stehen kann.

Leise ist der Platz nicht – die Brandung tobt.

Wir schätzen drei Meter.

Neben der Bootrampe dieses Schild. Ungefährlich ist der „Hafen“ nicht. Die Wellen dürften hier 360 Tage im Jahr rollen.

Der Abend endet toll. Vor uns der Sonnenuntergang. Hinter uns ein paar Stunden später eine (fast) totale Mondfinsternis. Zu sehen im Osten Australiens diese Nacht.

Der Platz ist kostenlos. Es gibt eine Toilette und hinter den Dünen liegt ein weitverzweigter Off-Road-Spielplatz für Quads und andere 4×4-Fahrzeuge. Morgens kommt eine nette Dame mit einem Quad und reinigt die Toilette.
Warum die kleine Gemeinde Granville Harbour den Platz und die Rennpiste kostenlos zur Verfügung stellt? Sie könnten doch wenigsten 20 Dollar in einer Ehlichkeits-Box sammeln.
Wir haben keine Idee. Vielleicht um sichtbar zu bleiben/zu werden? Damit die Infrastruktur dort erhalten bleibt, wie Müllabfuhr und Handymast?

Wer dort durch ihre Dünen pflügt, ist den Anwohnern nicht ganz egal. Das Fahrzeug muss eine Straßenzulassung haben und der Fahrer einen Führerschein besitzen. Die bereits angelegten Tracks dürfen nicht verlassen werden. Und ganz wichtig – wir zählen drei Schilder: „Bitte fahrt unsere Kinder nicht tot.“

Eine nicht zu viel verlangte Bitte der Granville Harbour Bewohner.

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Die brüllenden Vierziger: Einmal Sandstrahlen bitte!

01.-02. März 2026; Australien/Tasmanien/Arthur River; Tag 21-22, Tageskilometer 99, gesamt 1.235 km

Wir stehen an der Mündung des Arthur River. Auf 41° Süd. An der offiziellen „Edge oft the World“. Wenn man hier nach Westen schaut, kommt erst mal … gar nichts. Dann, nach 15.000 Kilometern, kommt Argentinien. Es gibt auf diesem Breitengrad nichts dazwischen. Kein Inselchen, kein Felsen, kein Sandkorn.

Die Luft, die hier beständig aus Westen kommt, ist so rein, dass man sie ein paar Kilometer weiter in Flaschen abfüllt. Als Referenzluft für Labore. Sozusagen die ‚Nullmessung‘ der globalen Atmosphäre.
Forscher füllen die Luft in versiegelte Glasflaschen und diese werden im sogenannten „Air Archive“ gelagert. Bereits seit den 70er Jahren.
Damit kann man später historische CO₂-Konzentrationen vergleichen. Methan, Ozon und Aerosole messen und
langfristige Veränderungen der Atmosphäre analysieren.

Außerdem wird die Luft (hauptsächlich) nach Asien exportiert. In Metropolen mit hoher Luftverschmutzung wie Peking oder Shanghai. Dort wird die „Tasmanian Air“ als Luxusartikel verkauft. Eine Dose enthält etwa 130 bis 140 tiefe Atemzüge.

Die brüllenden Vierziger heißen nicht umsonst so. Wind von 8 bis 9 Stärken sind auch im Sommer an Tasmaniens Westküste keine Ausnahme. Eine übliche Brandung von drei Metern knallt an die ‚Kante der Welt‘.

Wir sind vorbereitet für die Schlacht der Westwinde. In Regenjacken und Mütze gehüllt, stellen wir uns den „Brüllenden Vierziger“. Und dann passiert‘s: Uns bläst eine steife Brise aus Osten in den Nacken. Den Wind haben wir von der Nuss aus Stanley mitgebracht und er hat noch eine Schippe draufgelegt. 45er Böen, manchmal vielleicht sogar noch mehr.

Die südliche Seite vom Arthur River ist steinig. Die Brandung wird platt gedrückt vom falschen Wind.

Das Nordufer hat weitläufigen Strand.

Da fliegt einem die Mütze vom Kopf. Etwas später habe ich mir die Kapuze über die (selbstgestrickte) Mütze gezogen. Der Wind hat es geschafft, mir unbemerkt die Mütze unter der Kapuze vom Kopf zu ziehen. Die ist dem Meer übergeben.

Es ist nicht wirklich kalt, der Antarktis-Eindruck täuscht. Wir halten noch an kurzer Hose fest.

Die Szenerie ist absolut wild. Der Strand sieht aus wie ein Mikado-Spiel für Riesen. Überall liegen massive, silbrig gebleichte Baumstämme herum, die der Ozean ausgespuckt hat. Es ist Ebbe. Am Flussufer schaffen wir es, zum Meer zu gelangen.
Aber was ist mit den Wellen? Der ablandige Wind drückt gegen die Brecher und zieht die Wellen regelrecht glatt. Gleichzeitig fliegt der Sand waagerecht über den Strand. Sandstrahlt uns die Beine. Wenn uns heftige Böen erreichen, ist es kaum auszuhalten.
Wir genießen es trotzdem (oder gerade deswegen) – schließlich ist es die sauberste Ost-Brise, die wir wahrscheinlich je erleben werden.

Wind gegen Welle.

Der fliegende Wind sandstrahlt uns die Beine.

Selbst der Arthur River sieht wild aus.

Zwei Tage keine Touren wegen Ostwind.

Die Nacht verbringen wir auf einem schlichten Campingplatz. Viele Leute kommen hier nicht her.                In Arthur River wohnen 32 Leute. Durchschnittsalter 51. Die Menschen, die hier leben, schätzen offensichtlich die Ruhe und haben vermutlich ein dickes Fell und gute Windjacken.

In der Nacht schläft der Wind ein. Vormittags regnet es. Das sitzen wir im Camper aus. Diesmal mit Salted-Caramel-Küchelchen. Wie versprochen (auf den australischen Wetterbericht ist echt Verlass), ist es trocken am Nachmittag. Wir gehen noch einmal zur Mündung des Arthur Rivers. Ordnungsgemäß kommt der Wind jetzt aus Westen. Die Rückfront vom Sturmtief hat uns erreicht. Jetzt darf sie auch wieder in Flaschen abgefüllt werden. :mrgreen:

Am nächsten Nachmittag kommt der Wind wie es sich gehört aus Westen. Etwas schwächer. Die Masse ein Treibholz ist beeindruckend. Und schön zu sehen, kein Plastikmüll dazwischen.

Uns gefällt es. Friesischen herb.

Eine Tafel mit Gedicht an der ‚Kante der Welt‘: „I cast my pebble onto the shore of Eternity. To be washed by the Ocean of Time. It has shape, form, and substance. It is me. One day I will be no more. But my pebble will remain here. On the shore of eternity. Mute witness from the aeons. That today I came and stood. At the edge of the World.“ Brian Inder

 

– Campingplatz 18,00 Euro mit Strom und Dusche

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