31.07.2026; Vanuatu/Malekula/Norsup; Tag 4.444; 30.047 sm total
Wir folgen Olson in seinem Ausleger-Kanu mit unserem Kajak an den Strand. „Willkommen auf Norsup. Ich zeige euch die Insel.“ Norsup ist winzig, es gibt keinen Strom, keine Straßen, kein Auto. Trinkwasser muss aus einem Brunnen per Hand nach oben gezogen werden. Schnell haben wir einen Trupp Kinder neben uns. Anfänglich scheu, tauen sie auf, sobald wir sie nach ihren Namen fragen. Julie, Thomas, Samalia, Max und Jill.

Der Inselbrunnen. Norsup ist extrem einfach. Wir haben auch schon Brunnen mit solarbetriebenen Pumpen gesehen.
Olson spricht Englisch, die Kinder Französisch. Das ist etwas kompliziert in Vanuatu. Zuerst lernen Kinder ihre eigene „Insel“-Sprache, danach Bislama, als verbindendes Element aller Einwohner und danach noch Englisch oder Französisch. Für uns nicht durchschaubar, wohnen Menschen aus englischem und französischem Schulsystem durcheinander in der gleichen Gemeinschaft.
Samalia ist besonders zutraulich. Lächelt viel, kuschelt mit ihrem Arm an meinem, sucht Körperkontakt. Ich kann noch weniger Französisch als sie, wir verstehen uns trotzdem. Samalia gewinnt an Mut, streckt ihre Hand aus und befühlt mein Haar. Was sie fühlt, gefällt ihr offenbar. Sie strahlt und macht eine Streichelbewegung.
Während wir weiter unsere Inselrunde drehen, finde ich in meiner Hosentasche eine silbrige Kette. Nichts Wertvolles. Die habe ich auf einer anderen Insel am Strand gefunden und vergessen, im Dorf an einen Baum zu hängen zum Wiederfinden. Spontan schenke ich Samalia die Kette.
Das Eis ist gebrochen. Sie fragt nun offen, ob sie meine Haare anfassen darf. Ich nicke und nutze die einmalige Gelegenheit: Ich darf auch!
Die Ni-Vanuatu bezeichnen selber ihre Haare auf Englisch als „puffy“. Das beschreibt das enorme Volumen und den Bausch-Effekt der Locken gut.
Es ist fest, aber weich, flaumig und einfach „plusterig“.
Als wir wieder das Kajak erreichen, verlässt uns Olson. Wenn wir mögen, können wir gerne noch am Strand spazieren gehen. Er gibt den Kindern mit auf den Weg, dass sie einfach Bislama mit uns sprechen sollen, das würden wir schon verstehen.
Am Strand fängt Samalia an, nach Muscheln zu suchen. Sie bringt mir eine. Dann eine zweite. Die anderen Kinder folgen ihrem Beispiel. Schnell habe ich beide Hände voll. Achim kramt im Rucksack nach irgendeinem Behälter. Zur großen Begeisterung der Kinder findet er einen großen Beutel. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Kinder brechen in kollektives Sammelfieber aus. Sie strömen über den Strand und füllen den Beutel. Zum Abschied schleppen sie selbstbewusst für uns das Kajak zum Wasser. Sie lassen keinen Zweifel, dass sie die Aufgabe übernehmen wollen. Sie winken uns so lange nach, bis wir Atanga erreicht haben. „Tankyu tumas! Lukim yu!“

Ein wenig ungerecht war es ja schon. Ich hatte aber nur die eine Kette. Die anderen Kinder haben es mit scheinbarer Gelassenheit genommen.
Solche unbeschwerten Momente und die herzliche Art der Erwachsenen machen für uns den Umgang mit den Ni-Vanuatu einfach und angenehm zugleich.
Es sind die Kinder, die es zu etwas Besonderem machen. Die Größeren, die bereits Englisch oder Französisch gelernt haben, testen ihre Kenntnisse schon bei erster Annäherung: „Wie heißt du? Woher kommst du?“ Von den meisten Seglern bekommen sie Australien oder Neuseeland zur Antwort, Deutschland ist mal etwas anderes. „Ui, Deutschland, das ist aber weit weg!“ Man sieht es förmlich in ihren Köpfen rattern, wie weit das wirklich weg sein könnte. Achims Spruch, genau auf der anderen Seite der Welt, führt zu Heiterkeitsausbrüchen.
Wenn ich die Kinder frage, ob ich ein Foto machen darf, wird ungeduldig gezappelt. „Warum fragst du denn jetzt erst?“ Sofort wird sich in Positur geworfen. Ein Blick auf das Ergebnis im Display führt zu noch mehr Gelächter. Sie können nicht genug davon bekommen.

Auffällig sind die guten Zähne. Keine Süßigkeiten zu haben, hat Vorteile. Auch die Erwachsenen haben meistens noch ein sehr gutes Gebiss.
Die Kids in Vanuatu wachsen im Trupp auf. Kleine Geschwister immer im Schlepp. Helikopter-Eltern gibt es nicht. Sobald die Kleinen laufen können, ziehen sie los, klettern auf Palmen, paddeln im Meer und knacken Kokosnüsse mit Macheten. Spielzeug? Dafür fehlt das Geld. Sie spielen mit unreifen Pampelmusen Fußball, bis der Ball platzt. Dann wird sich eine neue Frucht vom Baum geholt.

Faden- oder Hexenspiel. Ich habe mich schlecht an die Abnahmen erinnert und total versagt. Natürlich unter johlendem Gelächter.
Im Dorf kennt jeder jeden. Vanuatu ist nicht gewaltfrei, so ein Paradies ist wohl auf der ganzen Welt nicht zu finden. Aber in den kleinen Gemeinschaften bleiben Täter nicht anonym. Sobald ein Fremder im Dorf auftaucht, hat er das inoffizielle „Okay“ der Ältesten – sonst wäre er gar nicht da. Dieser Schutz gibt den Kindern die Freiheit, einfach unbedarft anzudocken. Urvertrauen ist das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt.
Diese chaotischen, ehrlichen Begegnungen mit den Rasselbanden werden uns tief in Erinnerung bleiben.














































